Ein Koffer aus Deutschland … oder ein etwas anderer D-Day im Westfalen-Kolleg

1939 trat Ursula Michel mit ihrem Koffer die Reise in einem „Kindertransport“ nach GB an. 75 Jahre später macht sich Judith Rhodes, die Tochter Ursula Michels, mit demselben Koffer auf den Weg zum Westfalen-Kolleg Dortmund, um ihn dort zu präsentieren.

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Worin besteht die Verbindung zwischen Leeds, Ludwigshafen und Dortmund und wo gibt es noch direkte Anknüpfungspunkte an die biographisch immer entferntere NS-Geschichte? Diese Fragen ergeben sich aus einer Geschichtsstunde der besonderen Art im Westfalen-Kolleg. Am 6. Juni 2014 begleitet der englische Gast Judith Rhodes aus Leeds eine von mehr als 250 Studierenden besuchte Veranstaltung, auf der in zwei Durchgängen ein Film und ein deutscher Koffer aus dem Jahr 1939 an das Schicksal ihrer Mutter Ursula Michel erinnerten.

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Ursula Henriette Barbara Michel wurde 1923 in Ludwigshafen als Tochter von Heinrich und Gertrud Michel geboren, im Jahr 1927 kam die jüngere Schwester Lilli zur Welt. Die Normalität eines glücklichen Familienlebens wird seit dem Beginn der NS-Herrschaft immer mehr in Frage gestellt. Als Jude wird Heinrich Michel vom Dienst suspendiert, 1938 erfolgt eine mehrwöchige Verschleppung in das Konzentrationslager Dachau, Ursula wird vom Besuch ihres Gymnasiums ausgeschlossen. Die Familie flieht von Ludwigshafen in das anonymere Mannheim und lebt dort bis zu ihrer Deportation im Frühjahr 1942, die nach Polen in den sicheren Tod führte.

Ursula aber befindet sich seit 1939 in England und überlebt so, im Gegensatz zu ihren Eltern und ihrer Schwester. Nur eine Woche vor Kriegsausbruch war ihr, durch Kontakt ihrer Familie zu dem Heidelberger Pfarrer Heinrich Maas, einem überzeugten Vertreter des „Vereins zur Abwehr des
Antisemitismus“, die Teilnahme an einem der letzten Kindertransporte nach England möglich. Unter „Kindertransport“ versteht man die Rettungsaktion von ca. 10.000 jüdischen Kindern, die zwischen dem Jahresende 1938 und dem Beginn des Krieges mit der Beteiligung jüdischer bzw. christlicher Hilfsorganisationen und unter strengen Auflagen der Nationalsozialisten stattfand. So war der Umfang des auszuführenden Gepäcks penibel geregelt und Eltern durften sich nicht auf dem Bahnsteig in aller Öffentlichkeit von ihren Kindern verabschieden. In der Regel war GB das Ziel der Reise, von der viele Beteiligte geglaubt hatten, dass es nur ein temporärer Aufenthalt bis zur Normalisierung der Situation in Deutschland sein würde. Aber es kam anders und wie Ursula Michels Schicksal belegt, wurden aus den deutschen Pflegekindern englische Mitbürger, die in den allermeisten Fällen auch deswegen blieben, weil ihre restliche Verwandtschaft in Deutschland oder anderen europäischen Ländern nicht mehr lebte.

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Was dieses unfreiwillige Exil im Teenageralter bedeutete und wie es ist, mit nur einem Koffer ein Land zu verlassen, der um einiges kleiner wirkt als heutzutage durchschnittliche Handtaschen, davon konnten sich die Studierenden des Kollegs vor Ort im Gespräch mit Ursula Michels Tochter überzeugen. Dabei wurde deutlich, dass gerade das Schicksal der Trennung von Familie und des Exils für etliche KollegiatInnen einen konkreten lebensweltlichen Bezug hat, wie Beiträge aus dem Auditorium über die selbst erlebte Flucht aus Sri Lanka und Syrien belegten. Die Gespräche kreisten um die Frage der Auswirkungen der traumatischen Erfahrung auf das spätere Leben Ursula Michels und welche Folgen ein derartiges Schicksal auf die Wahrnehmung der Deutschen als Nation in der Familie Michel-Rhodes gehabt hätten.

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Judith Rhodes beschäftigt sich seit einigen Jahren aktiv mit der Geschichte ihrer Mutter und hat Familiendokumente u.a. dem am Geburtsort ihrer Mutter tätigen Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ zugänglich gemacht, so dass aus dieser deutsch-englischen Zusammenarbeit verschiedene Veranstaltungen, auch mit Schulen in Ludwigshafen, die Verlegung von Erinnerungssteinen und der am Westfalen-Kolleg gezeigte Film hervorgingen. 75 Jahre nach Ursula Michels Aufbruch nach England erinnern sich somit KollegiatInnen in Deutschland an ihr Schicksal. Dass der englische Gast Judith Rhodes aber als Bürgerin der Dortmunder Partnerstadt Leeds seit 25 Jahren mit einer der Geschichtslehrerinnen des Westfalen-Kollegs befreundet ist und deswegen eine Dortmunder Schule besucht hat, macht vor allem deutlich, dass die Erinnerung an die NS-Zeit auch ein europäisches Projekt ist – kann es eine versöhnlichere Veranstaltung als diese deutsch-englische Geschichtsstunde genau an dem Datum geben, an dem sich die Landung der Alliierten in der Normandie, einer der Wendepunkte des Zweiten Weltkrieges, zum siebzigsten Male jährte?

Sonja Büscher
Dr. Anja Wieber

Fotos: Klaus Pfeiffer / Judith Rhodes

P.S. Die Veranstaltung wurde durch die unterschiedlichste Unterstützung so vieler getragen: Der Zeitzeugin Judith Rhodes, den geladenen Besuchern, unseren tatkräftig nachfragenden Studierenden, der Englischfachschaft, dem Kollegbund, der Hausmeisterei, ihnen allen sei hiermit nochmals gedankt. Ebenfalls geht unser Dank an die HauptakteurInnen von „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“, insbesondere an Monika Kleinschnitger, für die großzügige Bereitstellung des Films „Koffer gepackt und überlebt“ (Kristina Förtsch/Christian Schega;

http://www.ludwigshafen-setzt-stolpersteine.de/ursula-michel/).

Fotostrecke von der Veranstaltung